Erinnern ist Arbeit an der Zukunft
Mit diesem Satz macht die Anglistin und Literaturwissenschafterin Aleida Assmann deutlich, dass die Beschäftigung mit der Vergangenheit unbedingt notwendig ist, um eine gelingende Zukunft zu gestalten. Die Vision von LebensGroß ist es, eine faire Gesellschaft für alle zu schaffen. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit spielt dabei eine wichtige Rolle.

LebensGroß holt im Gedenkjahr 2025 Franz Stradner ins öffentliche Gedächtnis
Im Gedenkjahr 2025 erinnern wir uns in Österreich an 80 Jahre Kriegsende – und damit auch an das Ende der nationalsozialistischen Herrschaft. Millionen von Menschen sind dem System zum Opfer gefallen, auch Tausende Menschen mit Behinderungen wurden ermordet.
Einer von ihnen war Franz Stradner. Er wurde am 15. Mai 1907 in Graz geboren. Mitte Februar 1941 wurde er in Hartheim im Rahmen der NS-Euthanasie „Aktion T4“ vergast. Auf seinem Totenschein wurde der 3. März als Todeszeitpunkt und Lungenentzündung als Todesursache vermerkt.

Am 21. Oktober 2025 wurde auf Auftrag von LebensGroß ein Stolperstein für Franz Stradner in der Arndtgasse 1 in Graz verlegt.
Franz Stradner, dessen Vater schon früh verstarb, wurde von seiner Mutter Antonia Stradner groß gezogen, die eine kleine Gemischtwarenhandlung in der Arndtgasse 1 betrieb. Bereits im Alter von 24 Jahren wurde er zum ersten Mal in der Pflegeanstalt der Barmherzigen Brüder in Kainbach untergebracht. Nach vier Monaten wurde er allerdings wieder entlassen. Am 10. Juni 1932 wurde er wieder in Kainbach aufgenommen. Am 8. Juli 1940 wurde er in die „Heilanstalt für Geisteskranke am Feldhof“ überstellt. Grund dafür war wohl auch der Befund der Kainbacher Arztes, der Franz Stradner als „gutmütigen Imbecillen“ bezeichnete, der „lediglich Gegenstand der Wartung und Pflege sei.“
Franz Stradner wurde auch in späteren Befunden „schwachsinniges Gehabe“, eine „Herabsetzung der Merk- und Gedächtnisfähigkeit“ und eine „weitgehende geistige Abschwächung“ attestiert. „Für Arbeiten ist der der Kranke infolge seines geistigen Defektzustandes nicht zu verwenden“, so das finale Urteil.
Diese vermeintliche Arbeitsunfähigkeit war Franz Stradners Todesurteil. Er ist einer von nahezu 30.000 Menschen, die auf Schloss Hartheim (in der Nähe von Linz) in den Jahren 1940 bis 1944 ermordet wurden. Heute ist Schloss Hartheim ein Lern und Gedenkort.
Verantwortung übernehmen
Präsidentin Ursula Vennemann ist sehr dankbar über die Zusammenarbeit mit dem Verein für Gedenkkultur: „Gerade anlässlich unseres 65-jährigen Jubiläums finde ich es sehr wichtig, einem Menschen zu gedenken, dem die Chance auf ein gutes Leben genommen wurde. Der Gedenkstein erinnert uns daran. Für uns bei LebensGroß bedeutet es viel, uns immer wieder bewusst zu machen, welche Verantwortung wir haben, damit Menschen mit Behinderung ein gutes Leben führen können.“ Mehr Info zum Verein für Gedenkkultur: www.stolpersteine-graz.at
Ursula Vennemann hat gemeinsam mit Heimo Halbrainer im Jahr 2013 ein Buch zum Thema herausgegeben. Der Titel „Es war nicht immer so – Leben mit Behinderung in der Steiermark zwischen Vernichtung und Selbstbestimmung 1938 bis heute“. Auch dieses ist ein wichtiges Zeugnis für die Erinnerungskultur.
Die Opfer waren hauptsächlich Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen sowie Patient:innen aus psychiatrischen Einrichtungen.
Anfang Oktober unternahm LebensGroß auch eine Exkursion zur Tötungsanstalt. LebensGroß Selbstvertreter Christian Knapp berichtet: „Dieser Besuch war schwierig. Ich kann gar nicht beschreiben, was ich da gefühlt habe. Es ist so unglaublich, einfach nur schrecklich.“

Die Namen der Opfer sind in Hartheim auf einer Tafel aufgelistet. Auch Franz Stradners Stolperstein soll als einer von mittlerweile insgesamt 100.000 Steinen in ganz Europa dafür sorgen, dass die unschuldigen Todesopfer und die unmenschlichen Taten niemals vergessen werden.