Inklusions-Checks
von Sport für alle
Sport bringt Menschen zusammen. Aber gerade die Teilnahme an großen Sportveranstaltungen ist für Menschen mit Behinderungen oft schwierig. Egal ob fehlende Rampen, komplizierter Ticketkauf oder extreme Lärmbelastung – oft müssen viele Barrieren überwunden werden. Das inklusive Team des Projekts „Sport für alle“ zeigt, wie man Sportveranstaltungen für alle zugänglich machen kann.
Mittwoch ist Trainingstag. Bei fast jeder Witterung macht sich Kevin Neubauer auf den Weg in den Grazer Augarten, um dort in einer inklusiven Laufgruppe seine Kondition zu verbessern. „Ich bin aufgrund meiner Behinderung bei der Fortbewegung auf einen Rollator angewiesen“, erklärt der 33-Jährige. „Umso wichtiger ist es, dass ich meine Muskeln, meinen Körper, fit halte. Denn dann bin ich auch im Alltag sicherer unterwegs.“ Außerdem macht das gemeinsame Laufen Spaß. Heuer hat das Team unter anderem am Graz Marathon teilgenommen. „Dort wurde ich von meiner Trainerin Vali begleitet. Sie unterstützt mich dabei, auch bei schnellerem Tempo oder unebenem Grund den Rollator stabil zu halten“, erklärt Kevin Neubauer. „Bis auf ein paar kleine Unebenheiten war die Streckenführung beim Inklusionslauf super.“

Kevin Neubauer ist kein Einzelfall. In der UN-Behindertenrechtskonvention, die Österreich vor mehr als 20 Jahren ratifiziert hat, ist das Recht auf gleichberechtigte Teilhabe an Sportaktivitäten in Artikel 30 verankert. Und immer mehr Sportler:innen mit Behinderungen wollen von diesem Recht Gebrauch machen. Thomas Jäger vom Projekt „Sport für alle“ ist seit 2021 als Botschafter für mehr Inklusion im Sport unterwegs. Er weiß: „Das Bewusstsein in der Szene steigt. Aber viele Sportveranstalter:innen sind unsicher, wie sie den barrierefreien Zugang zu Events oder Sportstätten ermöglichen können.“ Seit Kurzem bietet „Sport für alle“ deshalb Beratungen an.

Sportveranstaltungen inklusiv gestalten
erste Schritte
Thomas Jäger erklärt: „Der einfachste Schritt ist eine Basisberatung.“ Anhand eines Leitfadens, der im Rahmen unseres Projektes INIS entwickelt wurde, werden Events bzw. Sportstätten hinsichtlich ihrer Barrierefreiheit analysiert. Bei der Bonusberatung wird das „Sport für alle“-Team bereits vorab in die Veranstaltungskonzeption mit einbezogen. Und für den Inklusions-Check nimmt das Team im Rahmen eines sogenannten „Mystery-Guestings“ Veranstaltungen ganz genau unter die Lupe. „Mystery-Guesting“ ist ein englisches Wort. Es bedeutet, dass Thomas Jäger und sein Team scheinbar wie Besucher:innen bei Sportveranstaltungen unterwegs sind. Tatsächlich analysieren sie vor Ort aber ganz genau, worauf in Sachen Barrierefreiheit zu achten ist. Alle Beratungen von „Sport für alle“ finden in inklusiven, gemischten Teams statt. Das bedeutet, Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen arbeiten gemeinsam mit Menschen ohne Behinderungen.
So können alle gemeinsam auf der Tribüne jubeln
Auch Jasmine Binder unterstützt bei den Inklusions-Checks. Die junge Frau, die selbst begeisterte Schwimmerin, Läuferin und Triathletin ist, hat eine Störung im Autismus-Spektrum. Sie erklärt, was das bedeutet: „Ich nehme Dinge viel intensiver wahr. Ich reagiere empfindlicher auf Lärm oder Licht. Mit vielen Menschen auf engem Raum zu sein, ist auch unangenehm.“ Wird die Reizüberflutung zu groß, schaltet ihr Gehirn ab. „Ich bekomme Kopfschmerzen, mir wird schwindelig. Dann bin ich am Stand von vielleicht einem dreijährigen Kind. Informationen kommen nicht mehr an und können auch nicht abgerufen werden.“

Große Sportveranstaltungen sind also nicht die angenehmste Umgebung. Warum sie sich für die Tests dennoch darauf einlässt: „Während jedem klar ist, dass ein:e Rollstuhlfahrer:in eine Rampe braucht, um über eine Stiege zu kommen, werden kaum Maßnahmen für die sogenannten unsichtbaren Behinderungen gesetzt“, sagt sie. Im Gegenteil. „Mir wird oft gesagt, dass ich ja nicht hingehen muss, wenn ich mich nicht wohlfühle“, berichtet Jasmine Binder. „Aber ich will mich nicht isolieren“, sagt sie und betont, dass ihr die Mitarbeit bei den Inklusions-Checks deshalb auch wichtig sei.
Das Team rund um Projektleiter Thomas Jäger war bereits beim Graz Marathon, im Bunker der 99ers in Graz, bei ÖFB-Länderspielen im Wiener Ernst-Happelstadion, beim Erste Bank Open ATP Turnier und beim Vienna City Marathon. Worüber die Tester:innen im wahrsten Sinn des Wortes gestolpert sind? „Mülltonnen, die auf Seh-Behinderten-Leitlinien stehen. Behindertentoiletten, die irgendwo im hintersten Winkel schwer erreichbar oder zugesperrt sind. Leitlinien, die plötzlich im Nirgendwo enden. Rollstuhlfahrerplätze ohne zusätzlichen Platz für Begleitpersonen. „Bei einem Event mit vielen Rollstuhlfahrerer:innen war die Veranstaltung an sich perfekt inklusiv organisiert. Aber auf dem Weg zum Event gab es unüberwindbare Gehsteigkanten“, erzählt Thomas Jäger und betont, dass man den Blick grundsätzlich öffnen müsse. Es gehe eben nicht nur um die Veranstaltung an sich, sondern auch um einfachen Ticketkauf oder die Erreichbarkeit.
Gut geschultes und informiertes Personal vor Ort sei hilfreich. Es gehe auch um Infomaterial in einfacher Sprache und über die unkomplizierte Mitnahmemöglichkeit von Hilfsmitteln oder Assistent:innen. „Oder Kleinigkeiten wie Gehörschutz oder Ruhezonen“, ergänzt Jasmine Binder. Veröffentlicht werden die Testberichte übrigens nicht. „Wir sind keine Kontroll-Instanz“, betont Thomas Jäger. „Wir wollen mit den Zuständigen ins Gespräch kommen und Dinge voranbringen. Dass wir immer mehr Anfragen bekommen, ist schon ein riesiger Schritt in die richtige Richtung.“
Das sieht auch Kevin Neubauer so, der schon für die nächste Laufveranstaltung trainiert. „Ich bleibe in Bewegung und ich kann etwas bewegen“, sagt er mit Blick in die Zukunft. „Ich hoffe, dass uns noch viele Veranstalter um unsere Unterstützung fragen. Denn wo können sie denn besser lernen als von uns?“

Zusammenarbeiten
Bist auch du an einem
Inklusions-Check interessiert?
Melde dich gerne:
sport@lebensgross.at
0043 676 84 52 78 685